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Sylvia Eckermann: Probabilis
Ausstellungsansicht, Foto: Andreas Kattner

 

 

 

Probabilis

 

Einzelausstellung mit folgenden Werken:

Integument, 2012 Digitales Video / Computeranimation, Holzrahmen, Monitor, AV-Player, 100 x 160.

Zero Probability Event, 2012 Eisen, Glasplatte, Glaskegel, Metronom, Fliege, 111 x 100 x 10.

Tisch für meinen Vater, 2012 Holz, Tierpräparate, Epoxidharz, 80 x 160.

Shifting States, 2012 Eisenkonstruktion, Kupferblech, Glühlampe, Motor, 94 x 250.

Bodentattoo, 2012 Bodenzeichnung, Acrylfarbe, 210 x 80.

Kartografie des Unbestimmten, 2012 Kreidezeichnung, graue Wandfarbe, 160 x 190.

 

  • kunstraum BERNSTEINER, Wien:  6. Dezember 2012 — 16. Februar 2013

 

Sylvia Eckermanns Ausstellung Probabilis geht der Frage nach der Auseinandersetzung zwischen Wahrscheinlichkeit und Kontingenz nach. Während die Wahrscheinlichkeit ihren Blick in die Vergangenheit richtet, um eine Zukunft beschreiben zu können, trifft uns die Kontingenz unvermittelt und unvorhergesehen. Die in der Ausstellung zu sehenden Licht- und Textarbeiten, computergenerierten Bildwelten, Skulpturen und Objekte, die Eckermann eigens für den kunstraum BERNSTEINER entwickelt, ordnet sie zu einer inszenierten Raumkomposition an. Die einzelnen Objekte bezeichnet sie als freeze objects, die gleichsam ein im Moment eingefrorenes Ereignis manifestieren. Die Ausstellung interessiert sich für das Ereignis, das uns wie ein Schlag treffen kann, alles und nichts verändern kann, sich uns entzieht und zu einem Ort der absoluten Kontingenz werden kann (nach Quentin Meillassoux)

 

video documentation  

Sylvia Eckermann

Sylvia Eckermann, Zero Probability Event 2012
Eisen, Glas, Metronom, Fliege, 111x100x10 cm. Foto: Andreas Kattner

 

 

Sylvia Eckermann: Integument

Sylvia Eckermann, Integument, 2012
Videoloop 5min, Holzrahmen, Monitor, AV-Player, 100x160 cm. Foto: Andreas Kattner

 

 

Sylvia Eckermann

  Sylvia Eckermann: Kartografie des Unbestimmten, Wandzeichnung, 2012, 153x187cm

 

 

 

Sylvia Eckermann

Sylvia Eckermann, Tisch für meinen Vater, 2012
Holz, Schwan Präparate, 80x160cm. Foto: Andreas Kattner

 

 

Sylvia Eckermann: Probabilis - Ausstellungsansicht, 2012-2013
Foto: Michael Goldgruber

 

 

Sylvia Eckermann

Sylvia Eckermann, Shifting States, 2012
Eisen, Kupferblech, Motor, 94 x 250 cm, Foto: Andreas Kattner

 

 

Sylvia Eckermann

Bodentattoo, 2012 Bodenzeichnung, Acrylfarbe, 210 x 80

 

 

 

Dialektik im Stillstand


Zur Ausstellung "Probabilis" von Sylvia Eckermann

 

Von Fahim Amir

 

Sylvia Eckermann beschäftigt sich in ihrer neuen Ausstellung "Probabilis" mit Bedeutungsproduktion im mehrdimensionalen Koordinatenfeld von Wahrscheinlichkeit/Kontingenz und real/virtuell. Das sich in ihrem neu geschaffenen installativen Ensemble skulptural aufspannende Feld lässt ein Zeitlichkeitsregime und Rationalitätsdispositiv sichtbar werden, das jedwedes futurologische Begehren auf den Boden subjektiver Setzung und historisierender Artefaktizität zurück bezieht: Jede Wahrscheinlichkeitsrechnung besteht in ihrem Kern auf Extrapolation von Historischem. Das Historische selbst muss aber immer erst aus einer Gegenwart geschaffen werden, die selbst von Zukunftsdispositionen abhängt. Diese mehrbödigen Räume sind Forschungs- und Arbeitsfeld der Künstlerin Eckermann.

 

Der Philosoph der aufgeladenen Zeit, Walter Benjamin, notierte einst, dass es dem Historischen Materialismus um die Intrapolation im Kleinsten ginge – eine geradezu unmöglich zu lösende Aufgabe. Das sinnlich sonst nicht wahrnehmbare Zittern einer scheinbar stabilen Gegenwart, die zur Zukunft immer noch der Vergangenheit bedarf, die ihr ständig zwischen den Fingern zu entgleiten droht, zeigt sich bei den Arbeiten der Künstlerin in einer materiellen Verdichtung von Kräfteverhältnissen der künstlerischen Objekte. So ist im Rahmen von "Probabilis" ein skulpturales Tafelbild zu sehen, das eine tischähnliche Konstruktion mit drei Objekten darauf zeigt: Ein Metronom, eine fast lebendig wirkende Fliege und ein filigranes Glasgefäß in kleinmaßstablichem Verhältnis zum Metronom. Die räumlich gedachte Zeit hat ihre Messgrößen verloren, der Glascontainer bleibt folgerichtig leer und der Teufel (1) liegt im Detail: Hier wird die Eigenzeitlichkeit des Lebendigen in den Blick genommen, um zugleich in einer rhythmusanalytischen Perspektive (Henri Lefebvre) suspendiert zu werden.

 

Die eigens für die Ausstellung geschaffenen Arbeiten der Künstlerin nehmen Fragen von Kontingenz und Wahrscheinlichkeit auf unmessianische Weise in den Blick: Hier ertönt kein Schwanengesang, hier wird ein Murmeln von "Dialektik im Stillstand" (Benjamin) wahrnehmbar – Kompasse einer multipolaren Welt.

 

(1) Beelzebub, hebr. für "Herr der Fliegen".

 


 

Im Verbund des Ungreifbaren

 

Roland Schöny, 14.01.13

 

Welche Überraschung! Durch den Rückspiegel der Zeit blicken wir auf einmal in ein Kabinett der analogen Künste. Skulptur, Installation, Lichtprojektion. Einen Raum mit dem Charakter einer Wunderkammer betreten wir, eine experimentelle Situation, in der ganz verschiedene Formen der Repräsentation unsere Sinne fesseln. Einzelne Begriffe in Versalien an die Wand projiziert oder als Zeichnung sich kreuzender Wörter. Ein Wortgeflecht, Gitter ähnlich wie ein ausgefülltes Schwedenrätsel, zurückgeführt auf seine schwankenden Grundfeste: Wörter wie "Fiktion", "Ereignis", "Utopie", "Selbstbild", "Instanz", "Spekulation" kann man da etwa von der Wand ablesen. Im Scheinwerferlicht, das eine Fläche wie die Tafel in einem Philosphie- oder – vielleicht sogar – Physikvortrag beleuchtet, ließe sich zwar ein Mittelpunkt ausmachen. Doch die Spiegelungen und Ergänzungen im Sinne assoziativer Verknüpfungen ergeben hier in erster Linie ein sich je nach Bedeutungslage und Schwerpunktsetzung krümmendes Netz. Hier etwa handelt es sich um die "Kartografie des Unbestimmten"; eines der Werke in der gerade laufenden Ausstellung "Probabilis".

Welche Überraschung also, dass die Künstlerin Sylvia Eckermann, die immerhin als eine der Pionierinnen der Digital Art in Österreich gilt, und die nicht zuletzt fasziniert von den sich rasant steigernden Möglichkeiten am Computer sehr früh bereits Andockstellen an die diversen Gamer-Communities gesucht hat, nun Rückgriffe in die Welt des Materiellen unternimmt und eine höchst konzise, aber dennoch sehr offene Rauminstallation konzipiert hat.

Nicht so überraschend, aber umso erstaunlicher ist es dafür, mit welcher Sicherheit und Souveränität die Künstlerin dabei vorgeht. Zwar bearbeitet sie Themen, die leitmotivisch in ihrer Arbeit wiederkehren, wie etwa Fragen nach der Erfassbarkeit von Wirklichkeit im weitesten Sinn. Diese belässt Eckermann jedoch nur selten in einer allgemein ontologischen Sphäre. Vielmehr spielt sie verschiedene Formen der Aufzeichnung wie Schatten des Realen durch; unlängst zum Beispiel in einer Video-Rauminstallation basierend auf einem Netz flatternden Nylonfäden sowie gesprochenem Text zu den zunehmend virtuellen Abläufen auf den Finanzmärkten im Rahmen des Festivals "Paraflows: Reverse Engeneering" im Jahr 2012.

Nun – längst angekommen im postmedialen Zeitalter – nimmt Sylvia Eckermann die Auseinandersetzung mit "Wahrscheinlichkeit" und "Kontingenz" auf, wobei sich letztgenannter Begriff am besten in den verschiedenen Konnotationsfeldern von "Zufall" verorten lässt. Wenn man dann noch davon ausgeht, dass "Wahrscheinlichkeit" zumeist auf in der Faktizität von Vergangenem basierenden Prognosemodellen beruht, dann erscheint es nur logisch, dass Eckermann auch Rückgriffe auf alte Medien unternimmt, um den fragilen Status gültiger Repräsentation von Wirklichkeit generell aufzugreifen. Tatsächlich stellt die Künstlerin Lichtprojektionen und Video – dieses gerahmt ähnlich wie ein klassisches Bild – unhierarchisch nebeneinander, während wir durch das Ticken eines Metronoms, dem unerbittlichen Ablaufen der Zeit zuhören können. Der Temporabilität der Kunstformen entspricht unser Erkennen der Realität jeweils für einen speziellen historischen Moment.

Selbst wenn vom Objekt "Tisch für meinen Vater" die Schwäne zum Gesang ansetzen, kann man nur hoffen, dass sich hinter diesem Pathos doch ein wenig Ironie verbirgt. Denn diese wundersame Ausstellung, in die man am liebsten wieder und wieder hingeht, um sie jeweils neu und von einer anderen Seite zu entdecken, kann doch nur Sylvia Eckermanns vorläufige Apotheose ihrer Auseinandersetzung mit der Wahrscheinlichkeit des Realen sein.